Neue Impulse in Oskar Schlemmers Malerei um 1930

Nach einer Pause von drei Jahren, in der Oskar Schlemmer sich auf seine Bühnenarbeit konzentriert hat, entstehen ab 1928 wieder Gemälde und Aquarelle. Teilweise knüpfen sie an die vorherigen Interieurszenen an, zeigen zunehmend aber die Auseinandersetzung mit neuen Themen und Bildkompositionen auf. Im Fokus der Werke aus dieser Zeit stehen vielfach männliche Aktfiguren, die in verschiedenen gymnastisch-tänzerischen Haltungen festgehalten sind.

Oskar Schlemmer, Fünfzehnergruppe, 1929, Lehmbruck Museum © gemeinfrei

Gemäldetiteln wie „Eingang zum Stadion“ (1930-36) und „Wettlauf“ (1930) kann ein direkter Bezug zum Sport entnommen werden. Dabei geht es Schlemmer jedoch nicht um eine naturalistische Darstellung von Sportlern oder Sportereignissen: Vielmehr steht der athletische Körper für ein neues Körperideal, das sich unter Einfluss der Lebensreformbewegung und der Freikörperkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausbildet. Für Schlemmer ist die Kenntnis des Menschen als geistiges und körperliches Wesen entscheidend. So sind neben naturwissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnissen auch Gymnastik, Sport und Tanz Gegenstand seines Bauhaus-Kurses „Der Mensch“.

 

Eine wichtige Neuerung um 1930 sind Bildkompositionen mit größeren Figurengruppen. Die „Fünfzehnergruppe“ (1929), die im Zentrum der Kabinettausstellung „Oskar Schlemmer: 100 Jahre Bauhaus“ steht, ist hierfür ein prägnantes Beispiel. Fünfzehn überwiegend unbekleidete Figuren sind auf einer Treppe angeordnet. Die Figuren füllen den Bildraum vollständig aus; sie sind durch ihre Körperhaltungen und Blickrichtungen vielfach miteinander verschränkt. Stärker als in früheren Arbeiten wird die Einzelfigur nicht nur in einen architektonischen Raum, sondern in eine Gemeinschaft eingebunden.

 

Das Kollektiv spielt bei Schlemmer nicht nur in Bezug auf athletische Gruppendarstellungen eine Rolle. Auch die erste Fassung des Folkwang-Zyklus widmet sich der Inszenierung einer idealen Gemeinschaft von Schülern und Lehrenden. Ernst Gosebruch, Direktor des Folkwang Museums in Essen, beauftragt Schlemmer 1928 mit der Wandgestaltung eines kleinen Rundraums, der bereits ein Brunnenmonument von George Minne beherbergt. Bei dem vorangegangenen Wettbewerb kann Schlemmer sich gegen Willi Baumeister und Erich Heckel durchsetzen. Der Wandbildauftrag zeugt damit auch von der künstlerischen Anerkennung Schlemmers über die Grenzen des Bauhauses hinweg.

 

Als Thema ist von Gosebruch „Die jungmännliche Bewegung unserer Zeit (Spiel und Sport)“ vorgegeben. Zunächst entwirft Schlemmer fünf Tafeln mit Unterrichtsszenen und vier Tafeln mit je einer männlichen Aktfigur in unterschiedlichen Körperhaltungen. Um einen zu starken Kontrast mit dem weißen Marmorbrunnen zu vermeiden, sind die Figuren vor einen dezenten grauen Hintergrund gesetzt. Mit „Gegeneinander“ (1928) ist eine Studie zum Folkwang-Zyklus Teil der Ausstellung im Lehmbruck Museum.

 

Nachdem die farbliche Dominanz über den Brunnen und eine fehlende Synthese von Figurengruppen und Aktfiguren bemängelt worden ist, gestaltet Schlemmer noch eine zweite und dritte Fassung des Folkwang-Zyklus. In der Abfolge der unterschiedlichen Fassungen von 1928 bis 1930 wird Schlemmers künstlerische Entwicklung in diesen Jahren exemplarisch nachvollziehbar. Trotz der sehr konkreten Themenstellung wählt Schlemmer keine allegorische oder narrative Darstellung, sondern lenkt den Blick auf die menschliche Gestalt als bewegten Körper im Raum.

 

Mehr zu diesem Thema erfahren Sie noch bis zum 17.2.2019 in der Ausstellung Oskar Schlemmer: 100 Jahre Bauhaus des LehmbruckMuseum.